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Das Geheimnis, das ich mir selbst bin

Aktualisiert: 8. Jan.

Bild: Schijenfluh von Valentin Bardill
Bild: Schijenfluh von Valentin Bardill

Schon seit einigen Jahren bin ich von der Gedankenwelt des Benediktinermönchs David Steindl-Rast inspiriert. Eines seiner Bücher, Dankbarkeit, zählt zu meinen persönlichen Favoriten – nicht, weil es lehrt, für alles einfach dankbar zu sein, sondern weil es eine tiefere Haltung vermittelt: die Haltung des Staunens.


Dankbarkeit im Sinne von Steindl-Rast bedeutet nicht, dass wir uns zu etwas zwingen, was wir innerlich nicht fühlen. Sie bedeutet vielmehr, dem Leben wie ein staunendes Kind zu begegnen – offen, neugierig und bereit, überrascht zu werden. Überrascht nicht nur von der Welt um uns herum, sondern auch von uns selbst. Denn auch wir sind uns selbst ein Geheimnis.


Dankbarkeit als Haltung: Innehalten, Staunen und sich selbst entdecken


Diese Perspektive hat für mich eine besondere Verbindung zu meiner Arbeit in der psychologischen Beratung und zur Neurocycle-Methode von Dr. Caroline Leaf. In der Methode des Neurocycle lernen wir, unsere Gedanken und Gefühle wie ein Detektiv zu beobachten: Wir halten inne, erkennen, was in uns vorgeht, und handeln dann achtsam und überlegt. Auch Steindl-Rast spricht davon, innezuhalten, wahrzunehmen und das Geschenk des Augenblicks zu erkennen – eine Gelegenheit, das Leben zu sehen, wie es wirklich ist, und in einer Haltung der Dankbarkeit darauf zu antworten.


Dankbarkeit heisst also nicht, unsere Prägungen oder Schwierigkeiten zu verleugnen. Aber trotz und gerade mit unseren Prägungen offen für die Überraschung zu sein, die wir sind. Wir haben eine aussergewöhnliche Fähigkeit, nämlich uns selbst entdecken zu können. Und genau hier sehe ich die Verbindung zwischen klösterlicher Weisheit und neuropsychologischer Praxis: Beides eröffnet die Möglichkeit, sich selbst zu beobachten, zu verstehen und dadurch freier und lebendiger zu werden.


Steindl-Rast beschreibt die Praxis der Dankbarkeit in einem Dreischritt: Innehalten, Innewerden, Tun. Stop, Look, Go – könnte man auch sagen. Erst wenn wir den Moment wirklich wahrnehmen, wird sichtbar, welche Gelegenheit er uns schenkt – nämlich uns selbst zu entdecken: mit unseren Stärken, unseren Bedürfnissen und auch unseren Begrenzungen. In jeder Begegnung, in jedem Augenblick können wir lernen, uns selbst und dem Leben mit einer neugierigen, offenen Haltung zu begegnen.


Für mich bedeutet das Folgendes: Ich bin kein starres Etwas, sondern mir selbst ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt. Und aus dieser Haltung wächst zugleich die Offenheit für das Geheimnis, das mir im Gegenüber begegnet. Eine Haltung der Dankbarkeit schafft Raum für Neugierde und verhindert, dass wir in alten Prägungen oder festgefahrenen Gedankenmustern stecken bleiben.


Vielleicht ist es genau das, was Steindl-Rast meint, wenn er sagt: „Alles ist Gnade. Das eigentliche Geschenk ist die Gelegenheit.“ Jede Begegnung, jeder Moment, jede Erfahrung kann uns lehren, uns selbst neu zu sehen. Und das ist ein Geschenk, das wir nur dann wirklich erkennen können, wenn wir uns selbst als ein Geheimnis annehmen.


Manche mögen nun einwenden, dass eine solche Selbstreflexion egoistisch wirkt oder in ein gedankliches „Um-sich-Kreisen“ führt. Ich glaube das nicht. Mich inspiriert hierbei der Schriftsteller Alexander Issajewitsch Solschenizyn, der einmal sagte:


„Die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.“


Für Solschenizyn bedeutet das: Jeder Mensch steht täglich vor der bewussten Entscheidung, Gutes zu tun und dem Bösen in sich zu widerstehen. Diese Art der Selbstprüfung ist kein egoistisches Grübeln, sondern eine tiefe moralische Auseinandersetzung. Selbstreflexion öffnet uns für unsere Verantwortung, für unsere Handlungen und für das Wohl anderer – sie hilft uns, bewusster, ethischer und letztlich auch dankbarer zu leben.


So schliesst sich der Kreis: Wer sich selbst entdeckt, der wird auch fähiger, offen auf andere zuzugehen, das Leben wahrzunehmen und die Chancen, die jeder Augenblick bietet, wertzuschätzen. Die eigene Tiefe zu erforschen, heisst nicht, sich von der Welt abzukapseln – es heisst, ihr bewusst und neugierig zu begegnen.

 
 
 

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